Zeit

Was ist heutzutage eigentlich noch Zeit und wo ist sie hin? Zeit ist unser ständiger Begleiter, nur nicht so treu wie beispielsweise ein Hund. Sie verschwindet einfach so. Jetzt. Und jetzt. Hörst du es? Tick, tick, tick…
Früher hatte man mehr Zeit – was mir immer wie ein leerer Spruch meiner Oma vorkam, wird zunehmend wahr. Es ist Mai und eigentlich noch wie März. Kaum ist man aufgestanden, ist es schon wieder 13 Uhr und dann auch schon wieder bald Zeit fürs Abendessen.
Es ist gerade 4:05 Uhr und obwohl das Tochterkind seit ihrem 5. Lebensmonat durchschläft, liege ich oft wach und denke an die komischsten Dinge. Heute drehte sich nun also das Gedankenkarussell ums Thema Zeit. Es ging los mit “Wenn ich jetzt einschlafe, habe ich noch drei Stunden, bis ich aufstehen muss…” Was sind denn noch drei Stunden? Dabei mag ich es nachts, wenn alles so still ist, man das deutsche Internet quasi für sich allein hat. Dann habe ich am ehesten das Gefühl, dass die Zeit in der richtigen Geschwindigkeit vergeht und die Gedanken im Kopf sind neben dem Ticken der letzten analogen Uhr hier im Haus das lauteste, was ich höre.
Wir waren gestern kurz im Einkaufszentrum und hatten beide unsere Handys – Smartphones – vergessen. Was für ein irres Gefühl, nicht zweimal pro Minute auf die Uhrzeit im Display zu gucken, um am Ende sowieso nicht sagen zu können, wie spät es ist. Kennt ihr das? “Wie ging das denn früher?”, fragte mein Mann. “Mit einer Armbanduhr” – ungläubiges Staunen. Wir haben dann auf den Kassenbons die Uhrzeit abgelesen und waren froh, im Auto wieder permanent auf die Uhr schauen zu können.

Zeit ist komisch. Sie ist nicht fassbar und trotzdem bestimmt sie unser Leben. Neulich las ich, dass jemand meinte, er würde am Wochenende ohne Uhr leben. Ich bewundere diesen Menschen und frage mich, wie er das schafft. Bestelle ich beim örtlichen Pizzadienst, so heißt es “In einer halben Stunde wird Ihr Essen geliefert”. Möchte ich Tagesschau sehen, werden fehlende Sekunden zur vollen Stunde mit Werbung gefüllt, bevor die klassische Uhr erscheint. Wenn ich sonntags unsere Frühstückseier koche, stelle ich den Timer am Herd. Und sobald unsere Tochter ihre Augen zum Mittagsschlaf schließt, bleibt uns in der Regel genau eine Stunde, die es gilt, sinnvoll zu nutzen. Darum habe ich wohl in letzter Zeit ein ganz besoneres Zeitempfinden, denn ich weiß, wie wertvoll Zeit ist, wenn man wirklich wenig davon hat. Aber ist Zeit nicht immer wertvoll? Ein knappes Gut? Das knappste von allen, denn es gibt keine Zeitrückgewinnungsanlagen, keine Zeitsupplementierung. Ich kann Zeit weder im Supermarkt noch an der Börse kaufen.
Als unsere Tochter geboren wurde, hörten wir den Spruch “Die Zeit ist auf eurer Seite” – welch großer Trost, wenn man nachts mit einem schreienden Bündel durch die Wohnung tigert. Aber hatte derjenige Recht? Oder ist Zeit eher unser Gegner? Ein Wettlauf gegen die Zeit, die Zeit im Nacken… besonders freundlich sind solche Redewendungen nicht. Unsere Tochter wird in den nächsten Tagen zwei Jahre alt und ich habe manchmal diese Vorstellung, die Zeit einfach einmal anhalten zu wollen, wie einen Film bei einem alten Videorekorder. Doch ich müsste mich dann fragen, ob das fair wäre – die schönen Dinge langsam erleben, auf PAUSE drücken oder zurückspulen… Die unschönen Kapitel überspringen, eine Stunde in wenigen Sekunden wiedergeben… Hätte man nicht auch die Chance, Dinge anders zu machen, wenn man zurückspulen könnte? Das Leben wie eine immer wieder beschreibbare Videokassette – in der Hoffnung, keinen Bandsalat zu erzeugen?! Man hätte mehr Zeit, sich Gedanken zu machen, sich ehrenamtlich zu betätigen, neue Hobbies finden, Sprachen lernen, einfach, indem das restliche Leben auf PAUSE steht. Doch was wäre das für ein Alltag? “Wie spät ist es gerade bei dir?” – Die Supermärkte, die Büros, alles müsste 24 Stunden täglich offen sein – was das für Energie kosten würde. Alltag wäre faktisch nicht mehr möglich, denn den “Tag” gäbe es dann gar nicht mehr.

Während am Himmel schon langsam das Schwarz zu Blau wechselt, muss ich feststellen, dass es vielleicht doch ganz okay ist, dass jeder Tag mit einem neuen Morgen beginnt und mittlerweile sind mir noch zwei Stunden geblieben, bis der natürliche Wecker in Form niedlichen Geplappers aus dem Kinderbett angeht. Und der hat leider keine Snooze-Funktion, aber die gab es früher auch nicht.
Ich wünsche euch eine wundervolle, erholsame Zeit am Wochenende!

 

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Was für ein wundervoller Text! So gute Gedanken, so viel Wahres und Nachdenkenswertes… – Danke!

    Dir ein schönes Wochenende!
    Ganz liebe Grüße
    Christiane

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