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Fahrradliebe – Fahrraddiebe

Oldenburg ist eine Fahrradstadt -  die Stadt ist nicht umsonst Spitzenreiter im ADFC-Fahrradklima-Test 2012 (Platz 2 in der Stadtgrößengruppe 100.000 bis 200.000 Einwohnern). Auch wenn es auf mancher Kreuzung und in mancher Straße ein wenig gefährlich für die Radler ist, so ist Oldenburg im Großen und Ganzen wirklich eine unglaublich fahrradfreundliche Stadt. So freundlich, dass sich manch einer vor lauter Freundlichkeit einfach so ein vermeintlich alleinstehendes Fahrrad adoptiert und den eigentlichen Besitzer ziemlich unglücklich zu Fuß gehen lässt…
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Oldenburg zu Studentenzeiten, das ist für mich Fahrradliebe. Nicht auf den Bus angewiesen sein müssen, zu jeder Tages- und Nachtzeit aus der Pinte nach hause kommen können. Bei Wind und Wetter in die Innenstadt radeln, auf der Fahrradschnellstraße zwischen drei Dutzend anderen radelnden Studenten. Ich erinnere mich da an besonders frühes Losfahren vor der Vorlesung, damit man noch einen Platz findet, an dem das Rad angeschlossen werden kann. In zweiter Reihe warten auf einen freien Platz oder aber das Fahrrad stehen lassen zu müssen, weil man hoffnungslos zugeparkt wurde. An Plastiktüten über dem Sattel und Müll im Fahrradkorb am Mensa-Aufgang.

Aber es erinnert mich auch daran, wie ich einmal vergaß, mein Fahrrad abzuschließen und sich jemand anders meinem geliebten Rad annahm. Ich glaubte zuerst an einen doofen Scherz und an das Gute im Menschen durchsuchte jegliches Gebüsch in der Nähe, musste dann aber feststellen, dass ich mein Fahrrad verloren hatte. Das Absurde: Ich sah es danach jeden Donnerstag morgen vorm großen Hörsaal stehen, fest angekettet. Ich wollte es nicht zurückklauen und hatte längst ein neues Rad und so erlaubte ich mir eines Tages lediglich eines: Ich zog den Schlüssel vom Speichenschloß ab (den hatte derjenige an diesem einen Tag wohl vergessen, als er diese überdimensionierte Sicherheitskette anlegte) und fuhr genüßlich nach hause. Am nächsten Tag stand das Fahrrad immer noch vor dem Hörsaal. Danach war es verschwunden und ich sah es nie wieder. Aber den Schlüssel, den hab ich immer noch!
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Dies ist mein Beitrag zur Bikelovin-Blogparade von der lieben Christiane auf ihrem Blog bikelovin.blogspot.de

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September-Sommer-Wehmut

Tja, da ist er nun – der Abschiedsschmerz vom Sommer, die vorwinterliche Verstimmtheit. Morgens Nebel, tagsüber tristgraues Schmuddelwetter und abends ist es früher dunkel. Ich finde den September, wenn er sich wettertechnisch so ungnädig zeigt wie in diesem Jahr, wirklich abscheulich. Den Garten winterfest machen zu müssen, die dicken Jacken rauskramen, sich Gedanken über Matschhosen und Gummistiefel zu machen, und zu wissen, dass in drei Monaten schon wieder Weihnachten ist – das zeigt mir immer wieder, wie schnell das Jahr vorbeizieht und wie wenig von dem, was man sich im Februar, “wenns erstmal wieder schöner wird”, alles vorgenommen hat, umgesetzt wurde. Dann ärgere ich mich, dass ich auch in diesem Jahr nicht einmal auf der Liege im Garten ein Buch gelesen habe oder im Freibad war. Dass ich meine Sandaletten nicht oft genug getragen habe und immer noch keine neue Übergangsjacke habe. Ich fange sogar schon an, mich zu ärgern, dass ich Anfang des Jahres nicht die reduzierte Weihnachts- und Winterdekoration vom letzten Jahr in den Nippeslädchen mitgenommen habe. Als wenn es eine Überraschung wäre, dass nach Sommer Herbst und dann Winter kommt.

Aber vielleicht kann ich mir ja nun vornehmen, die schönen Seiten des beginnenden Herbstes zu sehen. Angefangen hat meine Herbstsentimentalität übrigens damit, dass ich entdeckt habe, dass der Ilex schon Beeren trägt – mein Fundstück der Woche!

Als dann noch kurz die Sonne schien, schon so sanft golden – das muss ich ja zugeben – fand ich den Herbst für kurze Zeit tatsächlich schön! Und dann kam auch ein wenig die Vorfreude auf heiße Schokolade und süße Tees, Kerzen, Loops nähen, Weihnachtsideen überlegen, Kastanien sammeln (kennt ihr diese kleinen Kastanienbohrer mit diesen Minischraubzwingen? Bringt man sich damit um oder schafft man das auch mit zwei linken Händen?) und Blätter trocknen. Der Tochter vermutlich erklären müssen, dass auch wenn die Blätter abfallen, im nächsten Jahr schon wieder neue wachsen. Drachen steigen lassen, in Pfützen hüpfen, Laterne basteln…..
Was sind eure ersten Gedanken, wenn ihr bei Schmuddelwetter nach draußen guckt und hofft, dass der goldene Herbst uns nochmal ein wenig das Gemüt erwärmt?

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Mein Berlin

Ich hatte in einem Beitrag vor einiger Zeit ja schon erzählt, dass ich eine ganz besondere Beziehung zu Berlin habe. Ich habe mein Herz an diese Stadt verloren, damals 2007. Auch wenn ich nur 4 Jahre dort gewohnt habe, diese Jahre haben mein Leben auf den Kopf gestellt. Alles einmal umgekrempelt, alles auf Anfang mit einer Prise Herzschmerz, einer großen Portion Erwachsenwerden und viel Liebe. Ich glaube, es ist nicht verwunderlich, dass diese Zeit, die mich so sehr verändert hat, in meinem Kopf beinahe täglich in irgendeiner Form präsent ist. Heimlich bezeichne ich Berlin als meine Heimat. Berlin ist der Begriff, der mein Herz höher schlagen lässt, der mich aufhorchen lässt und der spontan Sehnsucht in mir aufkommen lässt. Das kann der Gedanke an Tapas sein, an viel zu viel Leergut von viel zu viel getrunkenen Sternis, ein ganz spezielles Lied und der eigentümliche Geruch einer stark befahrenen Straße.
Heute möchte ich euch ein paar Fotos zeigen, die in dieser Zeit entstanden. Sie sagen eigentlich gar nicht so viel über Berlin als großes Ganzes aus, zeigen aber, wie ich mein Berlin gesehen habe. Außerdem habe ich den ein oder anderen Tipp für euch.
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 ”Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin” 
Franz von Suppé (1819-95)

Eigentlich gibt es rückblickend gar nicht wirklich einen Grund, warum es mich nach Berlin gezogen hatte. Ich hatte nach dem Studium ein Praktikum (Generation Praktikum!) in Aussicht, bekam über einen Bekannten eine tolle Wohnung vermittelt und ja, es reizte mich einfach. Im letzten Semester waren alle im Aufbruch. Jeden zog es woanders hin, kaum einer blieb damals in Oldenburg. Mit unterzeichnetem Vertrag packte ich somit im August 2007 meine Sachen, um sie einen Tag später 450 km weiter östlich wieder auszupacken.
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Der erste Sommer in Berlin – ich werde dieses Gefühl nie mehr erleben, unbeschwert und voller Erwartungen durch Berlin zu flanieren, U-Bahn zu fahren, beim Späti vorbei. Als ich nach Berlin zog, war die Neugierde genauso groß wie die Naivität. Ich sog die Luft und das Berlingefühl mit all dem Smog ein, tauchte ein in das schillernde, eigentümliche Meer aus Hornbrillen, alten Kinderwagen und all den Möchtegern-Alternativen in den Bio-Läden in Prenzlauer Berg, die vor lauter Egoismus gar nicht merken, wie gleich sie alle sind.

{Prenzlauer Berg}
Ich genoss das Leben, ging gern in das Cafe “An einem Sonntag im August“, war bei schönem Wetter im Prater, im ältesten Biergarten Berlins und flanierte Sonntags über den Flohmarkt am Mauerpark. Die Kastanienallee heißt nicht umsonst oftmals “Castingallee” – hier tummelt sich alles und jeder, der meint, er wäre etwas Besonderes und müsse unbedingt auffallen! Meinen Mann habe ich übrigens im Mauerblümchen in der Wisbyer Straße kennengelernt, einer richtigen Ostalgie-Kneipe mit orignal DDR-Eierbecher zum Frühstücksbuffet und alten Urkunden und Zeitungen im Toilettenraum. Das Essen ist sicher nicht hitverdächtig, aber vorbeigeschaut haben sollte man auf jeden Fall!

Dass unsere gemeinsame Geschichte ausgerechnet in dieser Kneipe begann, war etwas ganz Besonderes. Es gibt nicht allzu viele deutsch-deutsche Beziehungen und auch wenn es mir angesichts der vielen Jahre, die seit der Wiedervereinigung vergangen sind, manchmal etwas fremd ist, davon zu sprechen, so merkt man es oftmals trotzdem, dass wir unterschiedlich aufgewachsen sind. Umso schöner ist es, dass ich zuerst den Osten erlebt habe und wir nun gemeinsam den Westen erleben. Unsere Tochter ist übrigens in Berlin-Pankow geboren und somit ein echtes ostdeutsches Gör ;-)




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Was wir übrigens am meisten hier im Westen vermissen ist das allwöchentliche Döner-Essen. Für einen wirklich leckeren, preisgünstigen Döner solltet ihr in der Gegend die Schönhauser Allee besuchen, um direkt gegenüber der Arcaden bei Kaplan einen Döner mit “Salat alles” zu essen! (In Kreuzberg gibt es sicher bessere Döner, aber da kenne ich mich schlichtweg nicht wirklich aus) Wer Sushi mag, der sollte zu unschlagbaren Preisen im Tabeyo am Anfang der Danziger Straße essen. Und wer schonmal da ist, der sollte natürlich auch unbedingt in der Kulturbrauerei vorbeischauen. Mein Mann wohnte damals genau gegenüber, das war so manches Mal wirklich praktisch!
Wunderschöne Sonnenuntergänge und den Blick auf die Bösebrücke an der Bornholmer Straße, an dem der erste Übergang der Mauer geöffnet wurde, hat man von der Brücke an der Behmstraße aus.

Nachdem mein Mann und ich etwa ein halbes Jahr in einer Einraumwohnung nahe der Bösebrücke wohnten und genug von diesem täglich immer hipper werdenden Prenzlauer Berg hatten, zogen wir nach Friedrichshain. Wir zogen in die Rigaer Straße und wohnten direkt neben einem besetzen Haus. Wir sahen Autos brennen, das SEK an unserer Tür vorbeitrampeln und ärgerten uns über dauerbetrunkene Nachbarn. Aber ich habe dieses Gefühl von irgendwie geordnetem Chaos geliebt. Es passte zu uns, wir fühlten uns anfangs dort sehr, sehr wohl. Es war nicht überladen, nicht hipp und nicht edel, es war links, schrill und bunt. Es war friedlich und doch hochexplosiv. Man wusste nie, wie es gerade auf der Straße aussehen würde, wenn man die Tür aufmacht. In dem Kiez leb(t)en verhältnismäßig viele alte Leute, es waren wirklich ursprüngliche, echte Berliner, sodass die Sprache, der Umgang miteinander zwar typisch rau, aber immer ehrlich und freundlich war.

{Friedrichshain}
Selbstverständlich gehört ein Besuch der Simon-Dach-Straße mit seinen zahlreichen Restaurants und Bars zu den klassischen Ausflugszielen, die auch so manche Wahl-Berliner gern besuchen. Besonders empfehlenswert finde ich das Cafe Hundertwasser. Immer genial essen könnt ihr im “Wahrhaft nahrhaft” an der Revaler Straße, von wo aus sich ein kleiner Abstecher zur Warschauer Straße auch lohnt. Wer lieber noch weiter nach Osten flaniert, dem sei die Boxhagener Straße ans Herz gelegt. Der Flohmarkt am Boxi ist immer gut besucht, war uns aber einfach eine Nummer zu hipp und alternativ. Morgens ist das Morgenbrot übrigens die beste Anlaufstelle für leckere Brötchen.

Wer dann die Frankfurter Allee betritt, der sieht das, was ich persönlich als mein Zuhause, meine Heimat bezeichne. Home is where your heart ist. Mein Herz liegt am Frankfurter Tor begraben. Ich liebe diese Straße, diese alten Stalinbauten gen Mitte mit dem genialen Cafe Sibylle (ein Konzept, das Gastronomie mit Ausstellung und Musuem verbindet) und daneben der wilde Trubel stadtauswärts, der spätestens am Ministerium für Staatssicherheit endet. Das Stasimuseum ist meiner Meinung nach ein Pflichtbesuch, wenn man sich mit der Geschichte auseinandersetzten möchte.
Frankfurter Tor
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Wenn man in Berlin lebt, entdeckt man immer neue, spannende, abstoßende, nervige und wunderschöne Ecken, Begebenheiten und Momente, die die Erinnerungen an Berlin für mich unvergesslich und einzigartig machen. Berlin ist wie eine gespaltene Persönlichkeit – an einer Ecke erlebt man Wunderschönes, Einzigartiges und zwei Häuserblocks weiter sieht man das Elend und die dunklen Seiten einer Stadt, die ihre Identität wohl wöchentlich neu suchen muss.
Diese Stadt passte in dieser, meiner Zeit einfach so sehr in meine eigene Identitätssuche und hat meine Identitätsfindung schlußendlich auch mitbestimmt. Jeden Tag kann man sich in Berlin neu erfinden, neu entdecken und neu inszenieren. Es fällt niemandem auf, wie ich heute aussehe, weil auch keiner sah, wie ich gestern aussah. Das genoss ich, machte mich zugleich aber auch traurig und einsam. So unpersönlich, so unnahbar und doch so verletzlich.
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Mit jedem Monat, den ich länger in Berlin lebte, wuchs mein Unmut über die Stadt. Es ist wie eine Hassliebe zwischen mir und Berlin. Eigentlich hätte ich dort nicht sein müssen, dennoch lebte ich mitten drin. Eigentlich ist die Stadt häßlich und laut und trotzdem ist sie etwas ganz Besonderes. Ich vermisse den Geruch der U-Bahn, den Wind, der einem um die Nase weht, wenn die S-Bahn einfährt. Das Geräusch der Tram, wenn sie um eine Kurve fährt. Das permanente Säuseln der Hauptverkehrsstraßen. Das Klappern des Geschirrs über den Innenhof. Und doch weiß ich, dass ich im Laufe der Zeit genervt war, von dem Gestank der öffentlichen Verkehrsmittel, dem Lärm der viel zu vielen Autos, den viel zu vielen nervigen Nachbarn. Von den Touristen, die gar nicht wissen, wie es sich dort wirklich lebt, wo keiner seine Nachbarn kennt, wo sich niemand für seinen Müll interessiert und wo man 3 Straßen entfernt parken muss, weil einfach kein Parkplatz zu finden ist. Dort, wo Kinder auf überfüllten Spielplätzen stehen und die Punks nach Zigaretten schnorren…
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Seit wir 2011 Hals über Kopf dann tatsächlich die Stadt verließen, um in Westdeutschland einen Neuanfang zu wagen, habe ich mich nicht wieder in diese Stadt getraut. Bei jedem Bild vom Fernsehturm, vom Alexanderplatz, vom Brandenburger Tor, ja und natürlich vom Frankfurter Tor wird mein Herz so entsetzlich schwer. Ich vermisse das Quietschen der Tram, wenn sie um die Kurve fährt. Das Tuten der S-Bahn, wenn die Türen schließen. Die Ampelmännchen und einfach das Gefühl, Teil der Hauptstadt zu sein.
Aber ich weiß auch ganz genau, dass ich im Grunde die Zeit an sich vermisse. Es war eine Zeit, in der ich nur Verantwortung für mich selber hatte, ich mich treiben lassen konnte und das Leben nicht vorgeschrieben war. Mit den Augen einer Mutter, erwachsen geworden und mit mittlerweile ganz anderen Ansprüchen wäre das Berlin, das ich kennengelernt habe, nicht das, was ich mir für mich und meine Tochter heute wünschen würde. Darum sind die Gedanken an Berlin wie die Gedanken an eine verflossene Liebe. Man denkt gern zurück, aber man weiß auch, dass es nie wieder gut werden wird. Das rede ich mir jedenfalls immer ein. Und dann gehts auch mit dem Heimweh. Erinnerungen an eine Zeit, die es nie wieder geben wird.
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berlin

Macht mit bei der Blogparade “Heimat” von Katja Wenk.
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Zeit

Was ist heutzutage eigentlich noch Zeit und wo ist sie hin? Zeit ist unser ständiger Begleiter, nur nicht so treu wie beispielsweise ein Hund. Sie verschwindet einfach so. Jetzt. Und jetzt. Hörst du es? Tick, tick, tick…
Früher hatte man mehr Zeit – was mir immer wie ein leerer Spruch meiner Oma vorkam, wird zunehmend wahr. Es ist Mai und eigentlich noch wie März. Kaum ist man aufgestanden, ist es schon wieder 13 Uhr und dann auch schon wieder bald Zeit fürs Abendessen.
Es ist gerade 4:05 Uhr und obwohl das Tochterkind seit ihrem 5. Lebensmonat durchschläft, liege ich oft wach und denke an die komischsten Dinge. Heute drehte sich nun also das Gedankenkarussell ums Thema Zeit. Es ging los mit “Wenn ich jetzt einschlafe, habe ich noch drei Stunden, bis ich aufstehen muss…” Was sind denn noch drei Stunden? Dabei mag ich es nachts, wenn alles so still ist, man das deutsche Internet quasi für sich allein hat. Dann habe ich am ehesten das Gefühl, dass die Zeit in der richtigen Geschwindigkeit vergeht und die Gedanken im Kopf sind neben dem Ticken der letzten analogen Uhr hier im Haus das lauteste, was ich höre.
Wir waren gestern kurz im Einkaufszentrum und hatten beide unsere Handys – Smartphones – vergessen. Was für ein irres Gefühl, nicht zweimal pro Minute auf die Uhrzeit im Display zu gucken, um am Ende sowieso nicht sagen zu können, wie spät es ist. Kennt ihr das? “Wie ging das denn früher?”, fragte mein Mann. “Mit einer Armbanduhr” – ungläubiges Staunen. Wir haben dann auf den Kassenbons die Uhrzeit abgelesen und waren froh, im Auto wieder permanent auf die Uhr schauen zu können.

Zeit ist komisch. Sie ist nicht fassbar und trotzdem bestimmt sie unser Leben. Neulich las ich, dass jemand meinte, er würde am Wochenende ohne Uhr leben. Ich bewundere diesen Menschen und frage mich, wie er das schafft. Bestelle ich beim örtlichen Pizzadienst, so heißt es “In einer halben Stunde wird Ihr Essen geliefert”. Möchte ich Tagesschau sehen, werden fehlende Sekunden zur vollen Stunde mit Werbung gefüllt, bevor die klassische Uhr erscheint. Wenn ich sonntags unsere Frühstückseier koche, stelle ich den Timer am Herd. Und sobald unsere Tochter ihre Augen zum Mittagsschlaf schließt, bleibt uns in der Regel genau eine Stunde, die es gilt, sinnvoll zu nutzen. Darum habe ich wohl in letzter Zeit ein ganz besoneres Zeitempfinden, denn ich weiß, wie wertvoll Zeit ist, wenn man wirklich wenig davon hat. Aber ist Zeit nicht immer wertvoll? Ein knappes Gut? Das knappste von allen, denn es gibt keine Zeitrückgewinnungsanlagen, keine Zeitsupplementierung. Ich kann Zeit weder im Supermarkt noch an der Börse kaufen.
Als unsere Tochter geboren wurde, hörten wir den Spruch “Die Zeit ist auf eurer Seite” – welch großer Trost, wenn man nachts mit einem schreienden Bündel durch die Wohnung tigert. Aber hatte derjenige Recht? Oder ist Zeit eher unser Gegner? Ein Wettlauf gegen die Zeit, die Zeit im Nacken… besonders freundlich sind solche Redewendungen nicht. Unsere Tochter wird in den nächsten Tagen zwei Jahre alt und ich habe manchmal diese Vorstellung, die Zeit einfach einmal anhalten zu wollen, wie einen Film bei einem alten Videorekorder. Doch ich müsste mich dann fragen, ob das fair wäre – die schönen Dinge langsam erleben, auf PAUSE drücken oder zurückspulen… Die unschönen Kapitel überspringen, eine Stunde in wenigen Sekunden wiedergeben… Hätte man nicht auch die Chance, Dinge anders zu machen, wenn man zurückspulen könnte? Das Leben wie eine immer wieder beschreibbare Videokassette – in der Hoffnung, keinen Bandsalat zu erzeugen?! Man hätte mehr Zeit, sich Gedanken zu machen, sich ehrenamtlich zu betätigen, neue Hobbies finden, Sprachen lernen, einfach, indem das restliche Leben auf PAUSE steht. Doch was wäre das für ein Alltag? “Wie spät ist es gerade bei dir?” – Die Supermärkte, die Büros, alles müsste 24 Stunden täglich offen sein – was das für Energie kosten würde. Alltag wäre faktisch nicht mehr möglich, denn den “Tag” gäbe es dann gar nicht mehr.

Während am Himmel schon langsam das Schwarz zu Blau wechselt, muss ich feststellen, dass es vielleicht doch ganz okay ist, dass jeder Tag mit einem neuen Morgen beginnt und mittlerweile sind mir noch zwei Stunden geblieben, bis der natürliche Wecker in Form niedlichen Geplappers aus dem Kinderbett angeht. Und der hat leider keine Snooze-Funktion, aber die gab es früher auch nicht.
Ich wünsche euch eine wundervolle, erholsame Zeit am Wochenende!

 

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Die große Verschwörung gegen die Übergangsjackenindustrie

Da hat mal ein echter Scherzkeks Geschmack bewiesen, Am Mittwoch war Frühlingsanfang – sagt der Kalender. Ich fürchte nur, dass Papst Gregor damals nichts von der Klimaveränderung ahnte und die Winterkapriolen somit nicht einberechnete und dass die Meteorologen sowieso Schuld an allem sind und alles eine riesengroße Verschwörung gegen die Übergangsjackenindustrie ist, ehrlich! Denn Frühling seh’ ich hier noch nicht!

Anfang März, als der Frühling uns mal seitlich striff und so tat, als würde er aus seinem Loch hervorkriechen, entstand dieses Bild:Weitere Bilder guten Geschmacks gibts hier und hier.

Das war alles nur angetäuscht, fingiert, simuliert, geheuchelt und vorgespielt! Wer immer das war, es war nicht der Frühling! Dabei war ich schon bei der Gartenplanung angefangen, hatte die Sämereien ausgepackt, meine Töpfe begutachtet (und schmerzliche Frostsprengungsverluste verbucht) und mich sogar schon beim Unkraut jäten mit der Harke verletzt!

Doch seit über einer Woche sieht es hier schon wieder regelmäßig so aus: (Und natürlich schmecken die Erdbeeren nach nichts, schon gar nicht nach Sommer. Aber Töchterchen liebt sie und ich mag diese tollen Farbtupfer.)

Letztes Jahr hieß es noch “Frühling, Arschloch, Herbst, Winter”, mal sehen, was da dieses Jahr daraus wird. Ich gucke drohend und habe die Augenbraue hochgezogen! Oder wer von euch hat ganz laut “HIER” gerufen, als gefragt wurde, wer weiße Ostern will? Das würde es natürlich auch erklären… So haben wir dann dank der Zeitumstellung wenigstens eine Stunde länger, um im Hellen Schnee zu schippen…

Wir haben hier derzeit drei wunderhübsche Übergangsjacken fürs Tochterkind und ich werde langsam nervös. Entweder sie kriegt nun Krumuluspillen verabreicht oder muss frieren in nächster Zeit. Fänd ich beides nicht so optimal, darum bitte lieber Frühling, du möchtest doch nicht, dass man so schlecht über dich redet, wie über den letzten Sommer, oder? Ich hab auch Schokokekse!

Habt ein schönes Wochenende! Am Sonntag gibts hier dann endlich den Lost Place-Beitrag von mir. Oder ich lass mir einfach so lange Zeit bis Frühling ist, aber ich will ja nicht genauso sein….